26. Mai 2026

„Mit Christus – für die Welt“

Interview mit Sr. Inês Paulo Albino A.S.C., Generalsekretärin des Päpstlichen Kindermissionswerks

Schwester Inês, dürfen wir Sie zunächst bitten, etwas von sich zu erzählen – von Ihrer Familie, Ihrer Herkunft und vor allem von Ihrer Berufung?

Ich komme aus Guinea-Bissau, einem kleinen Land in Westafrika. Wir sind sieben Geschwister – vier Mädchen und drei Jungen –, ich bin das fünfte Kind. Guinea-Bissau war lange Zeit portugiesische Kolonie. Damals waren die Menschen beinahe verpflichtet, zur Messe und in die Katechese zu gehen. Ich selbst bin jedoch nach der Unabhängigkeit aufgewachsen, in einer freieren Zeit, in der es keinen religiösen Zwang mehr gab. Als Kind ging ich weder zur Messe noch zum Religionsunterricht.

Alles änderte sich, als ich 14 Jahre alt war. Eines Tages nahm ich mit einigen Freundinnen an einem Treffen teil. Im Gespräch beantwortete ich ihre Fragen ganz selbstverständlich. Da fragten sie mich: «Gehst du eigentlich in die Katechese?» Ich antwortete: «Nein, aber ich weiss Bescheid.» Daraufhin luden sie mich ein, mitzukommen. Auch der Priester des Dorfes lud mich zur Messe ein. Es gefiel mir sofort. So begann ich, regelmässig in die Kirche zu gehen. Ein Jahr später, mit 15 Jahren, empfing ich die Taufe und die Erstkommunion. Meine Eltern waren keine Christen. Später aber, als ich bereits Ordensschwester war, liess sich auch meine Mutter taufen.

Das ist eine sehr berührende Geschichte. Wann haben Sie zum ersten Mal den Ruf zum geweihten Leben gespürt?

Nach der Firmung, ich war 18 Jahre alt, spürte ich in mir sehr stark den Wunsch, mich Gott ganz zu weihen. Aber ich hatte bis dahin nie eine afrikanische Ordensschwester gesehen – alle Schwestern, die ich kannte, kamen aus Europa. Als ich meiner Mutter sagte, dass ich Ordensschwester werden wolle, konnte sie nicht verstehen, was das bedeutete. Sie sagte zu mir: «Du musst heiraten und Kinder bekommen!» In unserer afrikanischen Mentalität gilt Mutterschaft als Pflicht, als Zeichen eines erfüllten Lebens. Eine religiöse Berufung war für sie unverständlich.

Meine Mutter tat alles, um mich davon abzuhalten. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass ich als kleines Kind einmal sehr krank gewesen war und dem Tod nahegestanden hatte. Sie sagte: «Vielleicht hast du damals überlebt, weil Gott genau das mit dir vorhatte.» Von diesem Moment an liess sie mich gehen.

Und damit begann Ihr Ordensweg …

Ja. Zunächst verbrachte ich zwei Jahre in einem diözesanen Haus in Guinea-Bissau, um meine Berufung zu prüfen. Danach entschied ich mich für meine Gemeinschaft, die Anbeterinnen des Blutes Christi. 1989 kam ich nach dem Gymnasium zum ersten Mal nach Italien. Dort absolvierte ich meine Ausbildung: das Postulat, das Noviziat und 1992 legte ich meine ersten Gelübde ab.

Nach den Gelübden kehrte ich nach Guinea-Bissau zurück und arbeitete in der Jugendpastoral. 1995 kam ich erneut nach Italien, um an der Päpstlichen Universität Gregoriana Theologie zu studieren – bis 1999. Danach kehrte ich wieder nach Guinea-Bissau zurück, unterrichtete Religion an einem diözesanen Gymnasium und war für die Ausbildung verantwortlich. 2003 kam ich nochmals nach Italien, diesmal für das Lizenziat in Biblischer Theologie an der Gregoriana, das ich 2006 abschloss.

Anschliessend war ich erneut als Missionarin in Guinea-Bissau tätig, im Norden des Landes. Dort koordinierte ich eine Pfarrei, in der es keinen dauerhaft anwesenden Priester gab – der Priester kam nur sonntags. Es war eine wunderschöne, aber auch sehr anspruchsvolle Erfahrung.

Was ist das Charisma und die Sendung Ihrer Ordensgemeinschaft?

Unser Charisma ist auf das Pascha-Mysterium ausgerichtet: auf Leiden, Tod und Auferstehung Christi. Wir leben dieses Geheimnis als besondere Gabe, die wir von Gott empfangen haben. Bewusst nehmen wir daran teil und wirken mit Jesus mit in seiner Hingabe für die Erlösung der Welt.

Das tun wir durch Bildung, Schule, die Begleitung junger Menschen, aber auch dadurch, dass wir unsere täglichen Leiden mit denen Christi verbinden und sie ihm darbringen. Es ist ein Charisma der Hoffnung und des neuen Lebens.

Und worin besteht heute Ihre Hauptaufgabe in Rom?

Im Jahr 2020 war ich Nationaldirektorin der Päpstlichen Missionswerke in meinem Heimatland. 2022 wurde ich nach Italien gerufen, um in meiner Ordensgemeinschaft als Regionalrätin und Ökonomin für Italien zu dienen. Kurz darauf wurde ich zur Generalsekretärin des Päpstlichen Werks der missionarischen Kindheit ernannt. Das kam für mich völlig überraschend. Ich dachte zunächst, man rufe mich wegen administrativer Fragen. Stattdessen sagte man mir, der Papst wünsche, mir diese Aufgabe anzuvertrauen.

Es war nicht einfach. Meine Gemeinschaft wollte nicht, dass ich mein Amt als Ökonomin aufgebe. Ich habe gelitten und viel gebetet. Am Ende aber verstand ich: Ich muss dem Ruf der Weltkirche gehorchen. Ich sagte mir: «Wenn der Papst mich ruft, dann ruft mich Gott.»

Wie würden Sie Ihre Sendung in dieser Aufgabe beschreiben?

Meine Aufgabe ist es, die Kontinuität des Charismas zu wahren, das uns Bischof Forbin-Janson, der Gründer des Werks der missionarischen Kindheit, hinterlassen hat: Kinder und Jugendliche sollen im Herzen der Kirche und der Welt selbst zu Trägerinnen und Trägern der Mission werden.

Wir, die im Internationalen Sekretariat arbeiten, müssen Menschen Gottes sein: Menschen, die beten, die Freude, Hoffnung und Vergebung ausstrahlen. Kinder lernen mit den Augen, nicht nur durch Worte.

Jedes Jahr unternehme ich zwei oder drei Missionsreisen, um zu sehen, wie die Mittel verwendet werden, die für Projekte zugunsten von Kindern bestimmt sind. Es ist wichtig, dass das, was in Berichten steht, auch der Wirklichkeit entspricht. Wenn etwas nicht stimmt, weisen wir die Bischöfe oder die Verantwortlichen vor Ort darauf hin. Dieses Geld ist die Frucht der Opfer vieler Kinder – es darf nicht für andere Zwecke verwendet werden.

Das ist auch für Wohltäterinnen und Wohltäter in der Schweiz eine wichtige Botschaft, denn Transparenz ist ihnen sehr wichtig.

Ja, und ich danke ihnen von Herzen. Durch ihre Unterstützung können wir vielen Kindern auf der ganzen Welt helfen. Aber das Wichtigste ist nicht einfach, Geld zu sammeln. Entscheidend ist, ein missionarisches Bewusstsein zu bilden. Die missionarische Animation ist das Herz unseres Werkes: Es geht darum, offene, grosszügige und weltweite Herzen zu formen.

Sie reisen viel. Was sehen Sie heute als Herausforderung und Chance für die Mission?

In Europa zeigt sich eine bemerkenswerte finanzielle Grosszügigkeit, doch fehlt es häufig an missionarischer Begeisterung. In Afrika und Asien hingegen gibt es eine starke pastorale Lebendigkeit, aber wenige Mittel. Diese beiden Dimensionen müssen ins Gleichgewicht kommen: Die Grosszügigkeit muss auf beiden Seiten geistlich und konkret sein.

Mission ist heute dringlicher denn je. Die globalisierte Welt hat neue Grenzen hervorgebracht – manchmal unsichtbare Grenzen, geschaffen durch Technologie, Angst oder Gleichgültigkeit. Doch das Evangelium fordert uns auf, jede Barriere zu überschreiten. Die Missionarin, der Missionar muss Christus über all diese Grenzen hinaustragen – mit Mut und Demut.

Was bedeutet es für Sie, im Alltag eine missionarische Spiritualität zu leben?

Es bedeutet zu lieben – wie die heilige Thérèse von Lisieux. Sie ist nie selbst in ein Missionsland aufgebrochen, aber sie hat die Liebe jeden Tag gelebt und für alle gebetet. Missionarisch sein heisst, mit einem weiten Herzen zu leben, Unterschiede zu achten, in Einfachheit zu helfen und ohne Stolz zu handeln. In den alltäglichen Gesten nimmt Mission Gestalt an.

Welche Botschaft möchten Sie den Gläubigen sowie den Wohltäterinnen und Wohltätern in der Schweiz mitgeben?

Zuerst möchte ich ihnen von Herzen für alles danken, was Sie tun. Ich lade Sie ein, mit Begeisterung weiterzugehen und das missionarische Bewusstsein in sich selbst und in anderen zu stärken.

Durch die Taufe haben wir alle Anteil an der Sendung Christi: als Priester, Könige und Propheten. Wir dürfen nicht warten, bis andere zu uns kommen. Wir sollen hinausgehen, den Menschen entgegen – in ihren Bedürfnissen und mit ihren Fragen. Seien Sie noch grosszügiger: nicht nur im Geben, sondern auch im Zeugnis Ihres Lebens. Genau das erneuert die Kirche.

Was trägt Sie persönlich auf Ihrem Weg?

Die Gewissheit, dass mein ganzes Leben in ihm, mit ihm und für ihn ist. Die Gegenwart Jesu begleitet mich immer. Er ist meine Kraft, mein Trost und mein Friede. Jeden Tag erneuere ich meine Ganzhingabe an ihn.

Gibt es ein Bild oder ein Wort aus der Heiligen Schrift, das Ihre missionarische Freude besonders ausdrückt?

Ja: «Ich werde sie in die Wüste gehen lassen und ihr zu Herzen reden.» (vgl. Hos 2,16). Dieses Wort trage ich seit Beginn meiner Berufung im Herzen. Es erinnert mich daran, dass Mission aus der Stille entsteht, aus dem Hören und aus der vertrauensvollen Hingabe in Gottes Hände. Jeden Tag versuche ich, jene Radikalität der Liebe zu leben, die nur er schenken kann.

Schwester Inês, herzlichen Dank für dieses reiche und tiefgehende Gespräch.

Es war mir eine Freude, meine Geschichte und meinen Glauben teilen zu dürfen. Beten wir gemeinsam, dass die Mission weiterhin Frucht bringt – auch in der Schweiz!

Kurzbiografie

Schwester Inês Paulo Albino A.S.C. wurde 1969 in Bula, Guinea-Bissau, geboren. Sie gehört dem Institut der Anbeterinnen des Blutes Christi an und legte 1997 ihre ewige Profess ab. An der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom erwarb sie das Lizenziat in Biblischer Theologie.

Sie wirkte als Pastoralverantwortliche in der Pfarrei Santa Maria De Mattias in Ingoré in Guinea-Bissau und ebendort als Nationaldirektorin der Päpstlichen Missionswerke. Besonders engagierte sie sich in der Evangelisierung, der Katechese, in Unterricht und Jugendpastoral. Ab 2022 war sie Regionalrätin und Ökonomin der italienischen Region ihres Ordensinstituts. Am 24. August 2024 ernannte Papst Franziskus sie zur Generalsekretärin des Päpstlichen Missionswerks der missionarischen Kindheit.